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08.07.2014 | Beitrag | Website- & Shop-Gestaltung

Wie finde ich das passende Online-Shop-System?

Mit der Entscheidung einen neuen Online-Shop aufsetzen zu wollen, stehen Unternehmen unterschiedlichster Größen und Erfahrungswerte zumeist vor einer enormen Fülle zu klärender Fragen. Da die Implementierung eines Shops mitunter jedoch weitreichende Folgen hat, sollte die Entscheidungsfindung einem klar strukturierten Prozess folgen. Fehler in den frühen Phasen der Shop-Einführung sind zu einem späteren Zeitpunkt – wenn überhaupt – nur mit hohem (monetärem) Aufwand revidierbar. Der Markt bietet ein außerordentlich breites Spektrum an Softwarelösungen für unterschiedlichste Anforderungsprofile, deshalb ist eine individuelle Analyse unumgänglich. Im Folgenden soll ein möglicher Entscheidungsfindungs- und Implementierungsprozess im Allgemeinen vorgestellt, sowie eine Typologie bestehender Software-Lösungen vorgenommen werden.

Planungs- und Implementierungsprozess: Anforderungsanalyse

Zu Beginn der Planungsphase sollte eine umfangreiche Anforderungsanalyse stehen. Um hier bereits möglichst viele Eventualitäten berücksichtigen und einen detaillierten Fahrplan erstellen zu können, sollten rund drei Viertel der gesamten Projektzeit in diese grundlegende Phase investiert werden (BVDW 2013). Sämtliche Aspekte die zu diesem frühen Zeitpunkt bereits beachtet werden, vermeiden kosten- und zeitintensive Veränderungen in den darauffolgenden Phasen. Folgende fünf Aspekte können helfen, den Analyseprozess zu systematisieren:

1. Produktsortiment

Es ist sinnvoll zunächst einmal abzugrenzen, ob physische und/oder digitale Güter über den Online-Shop angeboten werden sollen, da sich daraus bereits deutlich divergierende Anforderungsprofile ergeben. So stellen beispielsweise digitale Güter wie Musik- oder Videodateien andere Anforderungen an das Rechtemanagement einer E-Commerce-Plattform als physische Güter wie Kleidung oder Möbel. Außerdem erfordern Produktsortimente mit mehrdimensionalen Variantenstrukturen oder diversen Konfigurationsoptionen komplexere Shopsysteme. Ähnliches gilt für Sortimente mit deutlich variierenden Versandkosten (z. B. Sperrgut), Zusatzservices (z. B. Aufstell-/Anschlussservice) oder Beratungssystemen (z. B. Zubehörprodukte, Ersatzteile o.ä.).

2. Kundenstrukturen

Unterschiedliche Kundenstrukturen erfordern ggf. auch unterschiedliche Shop-Systeme. So bedarf die im B2B-Handel oftmals übliche Preisdiskriminierung besondere Anpassungen im Shopsystem. Möglicherweise gesetzlich vorgeschrieben Zugangsbeschränkungen (z. B. Altersbeschränkung) sollten bei der Anforderungsanalyse ebenso mitberücksichtigt werden. 

3. Flexibilität und Adaptionsfähigkeit

Frühzeitig sollte außerdem analysiert werden, in welchem Umfang individuelle Anpassungen des Shops erforderlich sind und inwiefern in den kommenden Jahren mit Veränderungen zu rechnen sind. Ist für das geplante Geschäftsmodell z. B. eine extrem individuelle Webpräsentation erforderlich, die womöglich auch sehr flexibel in eine bestehende und sehr spezifische Informationsarchitektur integriert werden muss, ergeben sich deutlich andere Anforderungen an die Adaptionsfähigkeit des Programmcodes als für ein Modell mit leicht modellierbaren Prozessen. Ein Businessplan, der eine sukzessive Expansion in andere Märkte, Kunden- und/oder Produktgruppen vorsieht, sollte von Beginn an auf ein flexibles, adaptionsfähiges System aufbauen. Außerdem gilt es frühzeitig zu antizipieren, ob mögliche andere Geschäftsprozesse in der Zukunft mit dem Online-Geschäft verschmolzen werden könnten.

4. Erforderliches Dienstleistungsspektrum

Es gilt außerdem zu klären, ob lediglich die Software für den Online-Shop bezogen oder ob darüber hinaus auch Logistik, Fulfillment usw. von einem externer Full-Service-Dienstleister übernommen werden soll. 

5. Finanzierung

Auch das geplante Finanzierungsmodell ist von entscheidender Bedeutung für die Wahl der geeigneten Softwarelösung. Die unterschiedlichen Optionen unterscheiden sich sowohl stark in der Höhe der zu erwartenden Kosten als auch in ihrer Finanzierungsart. Hier lassen sich variable und fixe Finanzierungsmodelle, sowie investitionskostenintensive sowie betriebskostenintensive gegenüberstellen.

Systemauswahl

Wurde im ersten Schritt ein aussagekräftiges Anforderungsprofil erstellt, gilt es daran anschließend aus dem großen Portfolio der Software-Lösungen die am besten geeignete auszuwählen. Bei den weltweit rund 300 verfügbaren Lösungen fällt es dabei womöglich schwer, den Überblick zu behalten (Diekmann 2013). Die Systeme lassen sich jedoch anhand sehr grundlegender Kriterien in vier Teilgruppen gliedern, sodass sich frühzeitig ungeeignete Varianten eliminieren lassen.

Da wahrscheinlich nicht alle Anforderungen unmittelbar durch vorhandene Systeme erfüllt werden können ist eine Priorisierung der eigenen Anforderungen unumgänglich. Bei der Systemauswahl ist außerdem eine vorausschauende Herangehensweise wichtig, in der auch zukünftige Entwicklungsmöglichkeiten berücksichtigt werden. Schließlich soll das System nicht nach jeder Sortimentsanpassung neu implementiert werden müssen. Zumal viele Systeme auch nicht beliebig nachrüstbar sind (Schulze 2014).

Folgende Typologie lässt sich hinsichtlich der verschiedenen Shop-Systeme vornehmen (BDVW 2013):

1. Open-Source-Lösungen

Open-Source-Lösungen sind Systeme, deren Quellcodes frei zugänglich sind und somit theoretisch durch Jedermann veränderbar. Diese Systeme werden häufig kostenfrei angeboten. Die Quellcodes werden oftmals von einer breiten Community weiterentwickelt und sind deshalb durch ausgeprägten Variantenreichtum gekennzeichnet. Auf der anderen Seite mangelt es häufig an verantwortlichen Ansprechpartnern. Open Source-Lösungen überzeugen neben ihrer kostengünstigen/kostenfreien Anschaffung insbesondere durch ihre hohe Flexibilität und Adaptionsfähigkeit. Der Shop kann quasi nach Belieben an individuelle Bedürfnisse angepasst und in bestehende Systemarchitekturen integriert werden; vorausgesetzt die dafür erforderlichen Kompetenzen stehen zur Verfügung. Ein Zukauf des technischen Knowhows kann zu einem hohen finanziellem Aufwand führen und die anfänglich geringen Kosten schnell in den Schatten stellen. Ebenso wie verfügbare, kostenpflichtige Zusatzfunktionen. So kommt es nicht selten vor, dass die anfänglich günstig geglaubte Open-Source-Lösung zur Kostenfalle avanciert und mitunter viel Zeit für Implementierung und Wartung aufgewendet werden muss. Ein weiterer Vorteil der eigenen Anpassung bestehender Open-Source-Lösungen hingegen liegt in der Einbehaltung unternehmensinterner und wettbewerbsrelevanter Informationen. Gleichzeitig beansprucht dies wiederum entsprechende Serverkapazität, falls auch hier auf eine Auslagerung verzichtet wird. 

2. Enterprise-Lösung/Kauflösung

Enterprise- bzw. Kauflösungen werden in der Regel über die Entrichtung einer (einmaligen) Lizenzgebühr erworben und sind in ihrem Funktionsumfang entsprechend der Höhe der Gebühr recht umfangreich. Darüber hinaus können – aufbauend auf gewissen Basisfunktionen – unterschiedliche Zusatzfunktionen entgeltlich aufgestockt werden, wodurch zumindest eine gewisse Individualisierung gewährleistet werden kann. Kauflösungen zeichnen sich vor allem durch ihre schnelle und einfache Implementierbarkeit aus und sind in der Regel für die gängigen Anforderungen recht ausgereift. Dem gegenüber stehen jedoch die verhältnismäßig hohen Einstiegskosten, die mangelnde Flexibilität sowie die Abhängigkeit von speziellen Dienstleistern.

3. Eigenentwicklung

Die Eigenentwicklung eines Online-Shops bietet maximale Flexibilität, Individualität und Autonomie, setzt jedoch gleichzeitig umfassende Programmierkompetenzen und entsprechende Ressourcen voraus. Gleichzeitig ist das Risiko groß, den über die Jahre gewachsenen und perfektionierten Shopsystemen spezialisierter Anbieter qualitativ und technologisch nachzustehen. Somit bietet sich eine individuell erstellte Shop-Software meist nur für Unternehmen an, die sich durch hohe Spezifität in der Websitegestaltung, der Informationsarchitektur, oder der mit dem Shop verknüpften Geschäftsprozesse deutlich von den Wettbewerbern abheben möchten und zudem über die nötigen Mittel und die erforderliche Zeit verfügen.

4. Mietshop-Systeme

Mietshop-Systeme, oder auch On-Demand- oder SaaS-Systeme (Software as a Service) gibt es in unterschiedlichsten Ausführungen. Allen gemein ist die Tatsache, dass Teile des Online-Shops oder gar alle mit dem E-Commerce einhergehende Geschäftsprozesse gegen eine regelmäßig anfallende „Miete“ an einen externen Dienstleister ausgelagert werden. Diese Auslagerung geht von der einfachen Bereitstellung eines mit Produkten zu füllenden Online-Shops hin zur Auslagerungen von Websitegestaltung, Logistik, Kundenservice etc. an einen sogenannten Full-Service-Partner. Zumeist bietet eine Mietlösung gleichzeitig den Vorteil, dass sich keine Gedanken mehr um das Hosting gemacht werden muss, da der Shop dann auf dem Server des Dienstleisters betrieben wird. So spart man sich entweder die Kosten einer eigenen Serverunterhaltung oder die gesonderte Auslagerung an ein externes Rechenzentrum. Zugleich gibt man aber wettbewerbskritische Daten aus der Hand und hat ggf. sogar Schwierigkeiten bei einem späteren Umzug auf ein anderes System bestehende Daten zu transferieren. Geschäftskritische Daten können somit unmittelbar zu direkten Wettbewerbern übergehen und die eigene Position am Markt schwächen. Je mehr Services an den Dienstleister ausgelagert werden, desto abhängiger wird das Unternehmen von seinem Partner. Im Endeffekt entsteht ein Trade-Off zwischen Komfort, Einfachheit, Planbarkeit und Selbstbestimmtheit, Flexibilität und ggf. Expansionsmöglichkeit. Aus finanzierungstechnischer Sicht ist das SaaS-System aufgrund der regelmäßigen Mietzahlungen das variabelste und das am leichtesten zu planende System. Gleichzeitig sind die anfänglichen Investitionskosten sehr gering verglichen mit sämtlichen Kauflösungen. Allerdings fallen die Kosten kontinuierlich an, sodass eine Amortisierung geleisteter Investitionen nicht möglich ist. Mietshop-Systeme eignen sich deshalb insbesondere für Online-Handel-Einsteiger und für Unternehmen, die zunächst testweise den Online-Markt betreten möchten.

Systemanpassung

In der sich an die Systemauswahl anschließenden Systemanpassung zeigt sich meist die Qualität der vorgeleisteten Arbeiten, insbesondere die der Anforderungsanalyse. In der Systemanpassung gilt es nämlich, das ausgewählte Shop-System in die bestehenden Geschäfts- und IT-Prozesse, wie Customer Relationship Management (CRM), Enterprise Resource Planning (ERP) o. ä. zu integrieren. Dafür müssen häufig bestehende Prozessabläufe angepasst, erforderliche Schnittstellen geschaffen und ggf. neue Hardware beschafft werden (BVDW 2013). Abhängig davon, für welche Shop-Lösung man sich zuvor entschieden hat, ist diese Phase ebenso umfangreich wie erfolgsentscheidend. Ein ansprechend gelayouteter Online-Shop ist durchaus wichtig für die marktseitige Präsentation. Gewinnträchtig kann der E-Commerce jedoch nur dann werden, wenn die unternehmensinternen und -übergreifenden Prozesse dahinter effizient gestaltet sind. Darüber hinaus ist es erfolgsentscheidend, – über geschaffene IT-Schnittstellen hinaus – alle Mitarbeiter auf den Umstellungsprozess einzuschwören und auf die Veränderungen einzustellen, um für eine breite Akzeptanz und größtmögliche Motivation innerhalb des Unternehmens zu sorgen.

Betrieb 

Insbesondere in einer derart dynamischen Branche wie dem E-Commerce ist es entscheidend, das neu implementierte System regelmäßig anzupassen, zu warten, sowie aktuelle Softwareupdates einzupflegen. Wer den erfolgreich eingeführten Online-Shop als Selbstläufer versteht und aktuelle Entwicklungen außer Acht lässt wird höchstens kurzzeitig an den Umsätzen der Wachstumsbranche partizipieren können. Auch hier muss allerdings wieder zwischen den zuvor gewählten Shop-Typen unterschieden werden. Shop-Systeme wie z. B. Miet-Shops werden in der Regel kontinuierlich von den entsprechenden Dienstleistern aktualisiert und mit den neuesten relevanten Sicherheitsupdates versorgt (in der Regel ist dieser Service bereits in den regelmäßigen Kosten enthalten), während eigenentwickelte Systeme dauerhaft selbst gepflegt werden müssen. Für Open-Source-Lösungen werden häufig auch aktuelle Weiterentwicklungen angeboten (entweder kostenlos durch die Community oder aber auch kostenpflichtig durch entsprechende Lizenzgeber), jedoch besteht hier kein Anspruch auf kontinuierliche Weiterentwicklungen. Enterprise-Lösungen werden in der Regel auch mit relevanten Updates versorgt, jedoch fallen hier häufig auch erneute Kosten an.

Fazit

Abschließend lässt sich festhalten, dass der Einführung eines neuen Online-Shops eine intensive Analyse vorausgehen muss und vorschnelle Entscheidungen bezüglich eines Online-Shop-Systems unbedingt vermieden werden sollten. Eine augenscheinlich günstige Shop-Lösung kann sich in der Implementierung und im Betrieb als Kostenfalle entpuppen, ebenso wie sehr teure „Alleskönner“ die eigenen Bedürfnisse ggf. bei weitem übersteigen können. Erforderliche Schnittstellen zu Social Media, Vergleichsportalen, Payment-/Fulfillment-Lösungen, unternehmensinternen und -übergreifenden IT-Lösungen sollten darüber hinaus frühzeitig mit in die Betrachtung einbezogen werden. 

Weitere Informationen zur Wahl des passendes Online-Shop-Systems finden Sie auch hier:

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Quellen:

O.V. (2013): Checkliste Online-Shop, Lösungen für E-commerce-Einsteiger, in: Bundesverband Digitale Wirtschaft (BDVW) e.V., URL: file:///C:/Users/GEB/Downloads/bvdw_checkliste_online_shops.pdf, erschienen am 09.04.2013, Zugriff am 11.04.2014

Diekmann, Marcus (2013): Shop-Systeme, Drum prüfe, wer sich ewig bindet, in: Internet World Business, 2013, 24/13, S.28-30, URL: http://heftarchiv.internetworld.de/2013/Ausgabe-24-2013/Drum-pruefe-wer-sich-ewig-bindet, Artikel vom 25.11.2013, Zugriff am 11.04.2014

Schulze, Ralph (2014): Wie finde ich die richtige OnlineShop-Software?, URL: http://www.sellerconnect.de/news/news,251,Wie-finde-ich-die-richtige-OnlineShop-Software.htm, Artikel vom 14.01.2014, Zugriff am 11.04.2014

Autoren:
Gero Becker Anke Tischler

Downloads
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